Ende der Märchenstunde - Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt

Sonntag, 9. Oktober 2011

Rewe: Diskussion im ORF (mit mir!), Interview in Enorm

Am vergangenen Mittwoch war ich zu Gast im legendären Club2 des ORF. Thema der Sendung: Letzte Rettung oder Ökoromantik: Kann man umweltfreundlich leben? Dort habe ich diskutiert mit Werner Boote, Autor des Films Plastic Planet, Barbara Strauch, Mitbegründerin des Naturhofs Pramtal, Martin Strele, Geschäftsführer der Kairos GmbH und Mitbegründer der Aktion Ein guter Tag hat 100 Punkte, Heinz Schratt, Generalsekretär Plastics Europe Austria, mit Freda Meissner-Blau, Gründerin der Grünen in Österreich und Tanja Dietrich-Hübner, Leiterin Nachhaltigkeit bei Rewe, mit 30 Prozent Anteil am Lebensmitteinzelhandel Marktführer in Österreich, die ihre Nachhaltigkeitsbemühungen gerade ganz besonders hervorheben. Noch bis kommenden Mittwoch kann man die Diskussionsrunde in der ORF TVthek anschauen.

Das Nachhaltigkeitsengagement von Rewe betrachte ich natürlich sehr kritisch: Rewe möchte den Massenmarkt zB.mit dem Pro Planet Label nachhaltiger gestalten. Doch das Problem ist der Massenmarkt als solcher: er ist gekennzeichnet durch Überproduktion und Wegwerfen, das hat mit Nachhaltigkeit gar nichts zu tun. Ein Drittel bis die Hälfte der weltweit geernteten und hergestellte Lebensmittel landet im Müll - und daran sind die Einzelhandelsketten nicht unschuldig. Valtentin Thurn etwa interviewt in seiner ARD Dokumentation "Frisch auf den Müll" ein Mitarbeiterin von Rewe, die dazu angehalten ist, einen Salat schon auszusortieren, wenn er ein braunes Blatt hat. Sein Film "Taste the Waste" läuft derzeit im Kino. Welche verheerenden Auswirkungen der Massenmarkt hat, kann man etwa in dem Buch von Stefan Kreutzberger und Valentin Thurn, "Die Essensvernichter" nachlesen. Welche Auswirkungen die extreme Macht der Supermarktetten auf die Produzenten in armen Ländern haben, belegen die Initiative Supermarktmacht und Oxfam in der Untersuchung "Endstation Ladentheke" am Beispiel von Bananen- und Ananas-Bauern in Costa Rica und Ecuador: Menschenrechtsverletzungen sind am zweithäufigsten bei der Produktion von Lebensmitteln dokumntiert - als Ergebnis des Preisdrucks aus dem Norden.

Dass nun das Pro Planet Label also ausgerechnet auf Produkten klebt, die gar nicht nachhaltig sein KÖNNEN, ist zynisch und logisch zugleich: so etwa auf südspanischen Erdbeeren, die man im Winter kaufen kann (mehr dazu in meinem Buch, Kapitel "Der rote Wahnsinn"). Man kann das drehen, wie man will: Erdbeeren im Winter sind eine ökologische Katastrophe: in Spanien werden dafür jede Saison 4500 Tonnen Plastikplanen und hochgiftige Pestizide eingesetzt, aus mehr als 1000 illegalen Brunnen wird so viel Wasser für die durstigen Früchte abgepumpt, dass der Grundwasserspiegel beinahe schon um die Hälfte gesunken ist. Zwar investiert Rewe dort in Vertragsanbau und eine Tröpfchenbewässerung, die 20 Prozent Wasser einspart. Trotzdem ist das einzige Argument, weshalb die Erdbeeren im Winter im Supermarkt stehen: "wenn wir sie nicht haben, dann kauft sie der Kunde woanders."

Mit dem Zusatz "soziale Bedinungen verbessert" klebt das Label ausgerechnet auch auf südspanischen Tomaten. Gerade die Arbeitsbedingungen auf den Gemüsefeldern Südspaniens sind wiederum eine einzige soziale Katastrophe: zehntausende afrikanische Flüchtlinge arbeiten als moderne Sklaven in der Plastikhölle Andalusiens, sie schuften unter abscheulichen Bedinungen, sind ohne Schutzkleidung dem Pestizidregen ausgesetzt und leben rechtlos in slumartigen Barracken. Kollege Tobias Zick hat darüber in Neon eine ganz hervorragende Reportage geschrieben. Nun hat sich also Rewe einfallen lassen, den Arbeitern dort für drei Monate eine anständige Unterkunft zu stellen und für ein SOS-Kinderdorf im Senegal zu spenden, damit die Generation von morgen nicht mehr auf klapprigen Booten auf der Flucht nach Europa ihr Leben aufs Spiel setzen muss. Das ist schon mehr Heuchelei denn Zynismus: denn natürlich profitieren Handelsketten genau von diesen Zuständen - die billigen Preise für das Gemüse sind ja nur möglich, wenn man den Arbeitern kaum Geld bezahlt. Albert Widmer vom Europäischen Bürgerforum nennt die Zustände auf den Gemüsefeldern "keine unfreiwilligen Nebenerscheinungen, sondern festen Bestandteil des heute weltweit dominierenden agroindustriellen Modells. Nur billigste Saisonarbeiter, ohne Rechte und jederzeit verfügbar, ermöglichen niedrige Erzeugerpreise. Um diese Produktionsform am Leben zu erhalten, ist es nötig, die verschiedenen Gruppen von Landarbeitern gegeneinander auszuspielen und ein Überangebot an Arbeitskräften - eine Reservearmee - zu schaffen." Und dass die Wirtschaft im Senegal am Boden liegt, das ist kein Schicksal, sondern eine Folge der europäischen Exportpolitik, von der wiederum Lebensmittel- und Handelskonzerne profitiert haben: Auf den Märkten im Senegal und in anderen armen Ländern wird europäisches Gemüse billiger verkauft als es einheimische Bauern erzeugen können. Eine lächerliche Spende und eine Unterkunft kostet Rewe praktisch nichts - aber gerechte Löhne und vernünftige Verträge wären ein echter Wettebewerbsnachteil.

Über solche Dinge habe ich mit Rewe auch in meiner Enorm-Interviewserie "Hartmann!" diskutiert, es ist in der aktuellen Ausgabe von Enorm nachzulesen.


Kommentare

#1 - Stefan 23.11.2011 13:56 - (Antwort)

Hallo Kathrin, die Diskussionsrunde in der TVthek habe ich wohl verpasst, schaue zu selten in diesen Blog. Ist wohl auch deshalb so, weil sich immer mehr Fragen neu stellen als beantwortet werden. Ich sollte wohl doch die 'Enorm' abonnieren, bei der es mir wegen den Fragen sicher genauso gehen wird. Dann sollte ich ein kontroverses Magazin dazu finden, sofern es ein seriöses gibt. Ich mag unterschiedliche Sichtweisen und die unaufgelösten Widersprüche ... Ohne die kommt so vieles zur Ruhe. Stimmts? ;-) Lieben Gruß, Stefan

#2 - Norbert Danner 06.12.2011 11:36 - (Antwort)

Die Diskussionsrunde liegt schon wieder einige Zeit zurück, aber die Themen sind ja alle nach wie vor aktuell. Allgemein ist ja immer interessant, wie der TV Sender die Diskussionsrunde zusammen stellt und im die Teilnehmer links und rechts des Moderators aufteilt. Hier die PRO und gegenüber die KONTRA Teilnehmer zum Thema. Kathrin Hartmann stellt mit Ihren Aussagen, die ja vormals gut recherchiert sind und auf Tatsachen beruhen, einerseits auf beiden Seiten und letztlich noch darüber. So ist es mir auch beim Lesen Ihres Buches gegangen, wonach am Streckenweise nicht verstanden hat, auf welche Seite steht Kathrin Hartmann eigentlich? Stellt sich doch heraus, wir sind alle eingefangen im System. Ja auch jene, die glauben oder vorgeben mehr Wissen über die Zusammenhänge zu haben. Worüber aber noch nicht geschrieben wurde ist folgendes Fallbeispiel aus Amerika und nun auch bei uns in Europa: "Orthorexia nervosa" Vor lauter Streben nach gesundem Essen gibt es nun schon Fallbeispiele von Menschen wonach sich dieser Umstand pathologisch auswirkt. Gelesen in Medical Tribune, 43. Jahrgang, Nr 47 vom 23. November 2011, Seite 30

#3 - Karsten O. 15.12.2012 02:00 - (Antwort)

Noja, die Frage ist doch weniger auf welcher Seiter Fr. Hartmann oder irgendwer steht, als vielmehr ob man durch diverse Denkanstöße und unterschiedlichen Sichtweisen mal das Hirn einschaltet und mal ganz genau über Themen und Inhalte nachdenkt. Wenn man sich beispielsweise Wahlkämpfe anschaut, oder wenn man über die Linken redet oder die Piraten, dann fällt doch auf, das der Schein über das Sein herrscht. Ich selbst bestehe zwar aus gefährlichem Halbwissen, ziehe mir aus verschiedenen Nachrichtenagenturen (T-Online - Kopp.Verlag - Heise.de) und eben durch Talkshow aber eben auch über Comedy bzw Kabarett/Satireshows, eigener Erfahrung, erzähltes von Freunden und Verwandten, Geschichte, Literatur, Märchen usw, Information, Visionen und Anregungen (StarTrek=Sozialismus - WAAAAT?! Jo!) über die ich dann nachdenke, mir ein Urteil, meine Meinung bilde, Pro und Kontra und wem nutzt was und wem schadet es, meine Meinung kundtue, diskutiere, monologe halte, mit mir selber rede, ja fast schon diskutiere, mich meiner kindlichen Fantasie hingebe, Utopien entwickle, Meinungen ändere, anpasse, verwerfe, neu bilde, nichts automatisch glaube (wenn ich aufpasse^^). DAS sollten die Menschen mal machen. Und dafür sind solche Blogs gut, dafür brauchen wir Menschen wie Fr. Hartmann etc. Sei es nur um Aufmerksam zu machen. Aber - Selig sind die geistig armen, heißt es ja. Wissen ist Macht, nichts wissen macht auch nichts, nur Kopfschmerzen und Sorgenfalten. Viele verschließen die Augen vor der Wahrheit und somit leider auch vor dem handeln. Und die die es nicht tun sind entweder die Dummen, die, wie Don Quijote gegen Windmühlen, gegen Lobbyisten anrennen, ODER das Wissen für den eigenen Wohlstand ausnutzen. So bleibt die Welt wie sie ist. Weichgespülte Politiker werden immer wieder gewählt; Jemand der die Wahrheit sagt, vielleicht sogar ruppigerweise, wird mit Schmutz beworfen. Der Überbringer der schlechten Nachricht wird gehängt, der Verursacher überlebt. Der Kassandra-komplex - Verschwöhrungstheorien werden verlacht und bewahrheiten sich immer öfters (Ich sage nur: Terminator1-4 - Außer das mit der Zeitreise^^ - KI-Robot - Juchhu - Dark Angel wir kommen). Oder wahlweise auch der von mir sogenannte Priamos-Effekt der selbsterfüllenden Propfezeihung. Indem wir hierzulande versuchen BIO zu leben, "Umweltfreundlich" Auto fahren, führen wir die Welt nur noch schneller und brutaler über den Abgrund .... obwohl wir nur das beste für uns und die Umwelt wollen ... lalalalala singend tanzend mit 'nem Smartphone in der Hand um per Twitter die fantastische Aussicht zu vermelden :) Cya


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